"Sicher, Gustav [Mahler], ich akzeptiere alles,
was du zu deiner schöpferischen Arbeit sagst, zur Komposition. Ich
pflichte dir bei, daß es ein besonderer Vorgang sein muß,
der sich da im Halb- und Unterbewußten, im Psychischen abspielt.
Weiter wage ich mich nicht zu äußern. Aber ich glaube doch,
ein gutes Verhältnis zu deiner interpretatorischen Tätigkeit
zu haben und es ausdrücken zu können. Denn nicht nur du stehst
Ängste aus, ob der Einsatz ohne Brüche gelingt, ob der Orchesterklang
transparent statt breiig oder Völlerei verdächtig kommt. Auch
ich bange um die gestochenen Tonhöhen, um das Treffen der Nuance,
die eine Phrase erfordert. Denn oft genug trägt eine einzige dieser
die gesamte Partie. Und nichts weißt du über meine Nöte,
das Stimmliche zu verbinden mit dem körperlichen Ausdruck, der Pose,
dem Wechsel der Schritte, der Haltung des Körpers oder auch nur eines
seiner Teile. Ich muß dir sagen: Eine Bühnengestalt zu verkörpern
ist mehr, als nur Musik zu inszenieren. Es ist das Zusammenspiel von all
diesem großen Schau-spiel, von der Rolle und vom Vermögen,
sie zu Leben zu erwecken.
![]() So habe ich mir das ausgedacht und geprobt.
Es ist schon jedes Mal ein Stück Leben, das man da dem Publikum hingibt." (Brief von Anna Bahr-Mildenburg an Gustav Mahler) (in Steinmüller, H. 1998, S. 42-44) |